Architektur

Gymnasium Unterhaching

Wenn sich ein Bauherr mit einem Architekt zusammentut, um einen Neubau zu planen, werden sie sicherlich als erstes von der Lage und den Bedingungen des Bauplatzes ausgehen (siehe Lageplan), um die grundsätzlichen Möglichkeiten zu werten: Liegt das Grundstück eben oder am Hang, liegt es frei oder beengt, im Zentrum oder am Ortsrand.

Aber wo setzt dann die Arbeit der Planer an? Wo liegen die gestalterischen Schwerpunkte? Lange begann die Rangfolge bei der Beurteilung von Neubauten, besonders von großen öffentlichen Gebäuden, bei der Konstruktion als dem wichtigsten Gestaltungselement. Einheitlichkeit, Klarheit, schnelle Ablesbarkeit regierten vom Raster her äußere Erscheinung und innere Gliederung. Aber etwas anderes kam häufig zu kurz.

Am Anfang meines Berufslebens konnte ich mich einmal mit dem berühmten amerikanischen Architekten Richard Neutra unterhalten. „Merken Sie sich fürs ganze Leben“, sagte er „Architekturfunktion kann niemals von der Konstruktion bestimmt werden, sondern nur von der Psychologie her“. Ich hatte es zunächst sehr schwer, das nachzuvollziehen. Dann aber spürte ich allmählich, wie öde ein Bau sein kann, dessen Achsen zwar einheitlich stimmen, dessen innere Abfolge nur aus geraden, langen Gängen und einer gleichen Aufreihung von Zimmern besteht. Was fühlt der Nutzer eines Verwaltungsgebäudes, der täglich morgens ins Büro geht, den Gang entlang die Zimmertüren zählt, bis er endlich an seiner angelangt ist. Wird ein solcher Mensch nicht allmählich müde und gleichgültig, vielleicht sogar deprimiert, weil er keinerlei Anregungen von seinem täglichen Ambiente bekommt?

Die Alternative hierzu heißt Lebendigkeit und stete Anregungen durch wechselnde Abfolge der verschiedenartigen Bereiche und Funktionen, das gilt bereits für die Planung eines Einfamilienhauses, wie nachfolgend kurz erläutert werden soll:

Das Haus für einen Arzt (Abbildung 1): Die Räume gehen teilweise bis unters Dach. Ein Flügel steht im hohen Wohnraum, ein Cembalo auf der Galerie. Viel Besuch wird erwartet und freie Raumfolgen dafür geboten.

Für eine Familie mit Kindern (Abbildung 2): Wechselndes Licht bringt immer wieder „neue“ Räume hervor. Die konvexen und konkaven Formen steigern sich gegenseitig.

Haus für eine alleinstehende Bauherrin (Abbildung 3): Sie wünschte sich ineinanderfließende Innenräume, vom Schwimmbad im EG bis hinauf unters Dach. 

Größer werden Aufgabe, Verantwortung, aber auch die Möglichkeiten bei einer Schulplanung, wie dem Gymnasium Unterhaching, dessen erster Bauabschnitt 1975 fertig wurde (Abbildung 4). Am Ortsrand gelegen und dadurch schon auf eine gewisse Stufung der Baumassen eingestellt, bot das vielseitige Programm auch vielseitige Ausdrucksmöglichkeiten.

Die bewegte Treppenhalle ist über die Stockwerke hinauf offen und zusätzlich zur seitlichen Belichtung mit einem durchlaufenden, der Grundrissform folgenden Oberlichtband versehen. Die Halle ist umgeben vom Musikraum, von einer kleinen Arena für Vortrag und Musik und von der großen Schulbibliothek, deren teilweise gläserne Wände sich dem Blick aus der Halle öffnen. Diese führt zu den Klassentrakten (Abbildung 5). Sie ist aber auch – nach innen konzentriert – ein zentraler Raum für alle Arten von Zusammenkünften. Eine Schülergruppe spielt dort Theater. Erst kürzlich sah ich begeistert ein Shakespeare-Drama. Die Halle mit ihren Treppen, Säulen und Galerien bot dabei fast bühnenbildähnliche Illusionen.

Die winkelförmige Anlage der Schule endet am Ortsrand mit dem Turnhallengebäude, dessen Bautrakt Bezug aufnimmt zur benachbarten Volksschule. Drei Hallen sind hier wahlweise einzeln oder kombiniert zu nutzen, die lange Zugangswand führt zu den die Halle längs durchlaufenden Tribünen.

Die erwähnte Winkelform der Eingangsseite des Gymnasiums ist mit dunkelroten Klinkern belegt. Treppenbänder des gleichen Materials betonen einladend die Hauptformen des Eingangshofes.

An diesen ersten Schulkomplex aus dem Jahr 1975 anzuschließen forderte ein wohlabgewogenes Eingehen auf die städtebauliche und architektonische Maßstäblichkeit (Abbildung 6). Der neue Schulbau sollte natürlich für sich eigenen Ausdruck und Lebendigkeit ausstrahlen. Genauso musste er aber zusammen mit der vorhandenen Schule eine Einheit darstellen.

Den neuen Mittelpunkt der Gesamtanlage bildet eine Aula mit ca. 420 Plätzen für schulische und außerschulische Veranstaltungen. Der Innenraum ist zur Bühne hin geneigt, Tageslicht fällt von hinten durch große verdunkelbare Fenster ein. Die Bühne, für Vortrag, Musik und Schauspiel, kann durch hochfahrende Elemente um eine Hinterbühne erweitert werden. Leinwände für Film und Lichtbild fahren automatisch herunter. Die Beleuchtung von Saal und Bühne ist für die genannten Zwecke von der Regiekanzel und von der Hinterbühne aus in wählbaren Helligkeitsstufen einzustellen. Zusätzlich einsetzbar sind Scheinwerfer und Lautsprecher. Großer Wert wurde auf gute Akustik gelegt, was sich in der Materialwahl für Wand, Decke, Boden und Gestühl abzeichnet.

Die Aula kann außerhalb der Unterrichtszeit auch von außen erschlossen werden. Der Weg führt von Osten über eine Grünfläche, als heiteres Labyrinth angelegt, und über einen vertieften Hof mit einem Freilufttheater zu den Eingängen, zur Garderobe und zu den WC-Anlagen der Aula. Das Außentheater, das sich während der Planung von einem antiken Halbrund zu freien, ungezwungenen Formen entwickelt hat, erhielt bald den Namen „Chaos-Theater“, was die gewünschte Freiheit von Aufführungen durch die Gestaltungsform vorwegnimmt. Drama, Diskussion, Tanz und Jazz sollen hier die Schüler und ihren Freundeskreis anlocken.

An die Aula schließt südlich der neue Klassentrakt an. Ähnlich wie im Altbau sind Erdgeschoss und Obergeschoss zueinander halbgeschossig versetzt. Eine neue kleine Eingangshalle verbindet mit offenen Treppen und einem Aufzug alle drei Ebenen. Dieser Eingang dient vor allem Schülern, die aus Richtung Taufkirchen mit dem Fahrrad kommen, als direkter Zugang zum Schulcampus. Im Untergeschoss befindet sich die neue Chemie mit vier Übungssälen und einer großen Sammlung. Diese Räume blicken auf den abgesenkten Schulhof. Des Weiteren sind dort noch ein Medienraum und die Räume für die Haustechnik untergebracht. In dem Erd- und Obergeschoss liegen Klassenzimmer und Kursräume verschiedener Größe für unterschiedliche Klassenstärken. Direkt an die neue Eingangshalle orientieren sich zwei neue Musiksäle mit Noten- und Instrumentenraum. Drei neue Zeichensäle haben Nordlicht und eine Terrasse zum Freilichtzeichnen. Viel Wert wurde auf freundliche und helle Verkehrszonen gelegt. Alle Klassenzimmer haben zum Flur hin Oberlichter. Die Garderobenhaken sind in den Klassenzimmern untergebracht, damit haben die Kinder ihre Sachen immer in ihrer Nähe. Im Westen zwischen Neubau und Bahngleis wird eine weitere Freisportfläche angelegt, dazu Rasenflächen und schattenspendende Bäume zum Erholen. Durch den Erweiterungsbau wurden 28 neue Klassen- und Fachklassenräume geschaffen, insgesamt stehen somit 80 Unterrichtsräume für bis zu 1.400 Schüler zur Verfügung.

Entscheidend für das Gelingen des Projekts waren der große Einsatz und das direkte Miteinbeziehen der Bauherrschaft sowie der Schulleitung und der Nutzer. Bis hin zu Ausführungsdetails wurden alle Planungsfragen diskutiert und schließlich einvernehmlich und gemeinsam vom Bauherr und Architekt entschieden. Betz Architekten www.betz-architekten.de

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Abbildung 1
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Abbildung 2
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Abbildung 3
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Abbildung 4
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Abbildung 5
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Abbildung 6