Lise Meitner

Lise-Meitner-Gymnasium Unterhaching (LMGU)

Meitner_01Am 21. Oktober 2005 hat Staatsminister Schneider dem Gymnasium Unterhaching einen Namen verliehen. Nach langen Diskussionen hatte man sich in den verschiedenen Schulgremien (Zweckverband, Schulforum, Lehrerkollegium) zu Beginn des Schuljahres 2005/2006 darauf geeinigt. Nachfolgend ein Abriss ihres Lebensweges und eine Würdigung ihres Wirkens:

1878 – 1901
  • Geburt von Lise Meitner am 17. November 1878 (gemäß Matrikelauszug der Stadt Wien nicht am 7. November >>) in Wien als Tochter des Rechtsanwalts Dr. Philipp Meitner und seiner Frau Hedwig, geborene Skovran; trotz jüdischer Abstammung wird sie von den Eltern protestantisch erzogen
  • Abschluss der Bürgerschule 1892 mit 14 Jahren
  • Beginn einer Ausbildung zur Französischlehrerindb_Meitner_022
  • 1901: externes Abitur im Kaiserlich-königlichen akademischen Gymnasium zu Wien; Lise besteht mit drei anderen jungen Frauen die Maturitäts-Prüfung
1901 – 1906
  • Studium der Physik und Mathematik in Wien;
  • 1906: Promotion über die Wärmeleitung inhomogener Körper – sie ist die vierte weibliche Doktorin der Universität Wien
1907 – 1915
  • Wechsel nach Berlin an den Lehrstuhl von Max Planckdb_Meitner_03_Otto_Hahn_und_Lise_Meitner2
  • 28. November 1907: Beginn der Zusammenarbeit mit Otto Hahn unter diskriminierenden Bedingungen, da sie eine Frau ist; zunächst unbezahlte Forschungstätigkeiten
  • 1908: Taufe und Eintritt in die evangelische Kirche
  • 1909: Entdeckung des radioaktiven Rückstoßes bei der Aussendung von Alpha-Strahlen
  • ab 1912 Assistentin und ab 1913 Mitglied des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin
1915 – 1917
  • Röntgenschwester in einem Frontlazarett im 1. Weltkriegdb_meitner_04_1900_wien2
1917 – 1932
  • Rückkehr in ihr Labor; 1918: Entdeckung des neuen Elements 91 (Protactinium, Elementsymbol: Pa) zusammen mit Otto Hahn
  • Übernahme einer eigenen physikalisch-radioaktiven Abteilung (Bezug einer eigenen Wohnung)
  • Habilitation als erste Frau in Physik (erst in der Weimarer Republik möglich)
  • 1924: Entdeckungen zur Gamma-Strahlung; Bezug der Institutsvilla, d. h. einer Wohnung mit sieben Räumen und Anstellung einer Haushaltshilfe
1933 – 1938
  • Entzug der Lehrerlaubnis nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialistendb_meitner_05_1920_berlin2
  • 1938: mit Otto Hahns Hilfe späte Flucht über Holland nach Schweden; Leben als Heimatlose in einem Hotel mit bescheidener Anstellung im Nobel-Institut für Physik
1939 – 1945
  • Lise Meitner liefert am 1. Januar 1939 brieflich die erste theoretische physikalische Deutung der Kernspaltung, die Hahn und Straßmann im Dezember 1938 beobachtet haben, aber nicht verstehen konnten.

Am 19. Dezember 1938 schrieb Otto Hahn an Lise Meitner: “Es ist jetzt 11 Uhr abends; um 11.30 Uhr will Straßmann wiederkommen, so daß ich nach Hause kann allmählich. Es ist nämlich etwas bei dem ‘Radiumisotop’, was so merkwürdig ist, daß wir es vorerst nur Dir sagen. Die Halbwertszeiten db_Meitner_062der drei Isotope sind recht genau sichergestellt: sie lassen sich von allen Elementen außer Barium trennen; alle Reaktionen stimmen: Nur eine nicht – wenn nicht höchst seltsame Zufälle vorliegen: die Fraktionierung funktioniert nicht. Unsere Radium-Isotope verhalten sich wie Barium. Es könnte noch ein höchst merkwürdiger Zufall vorliegen. Aber immer mehr kommen wir zu dem schrecklichen Schluß: unsere Radium-Isotope verhalten sich nicht wie Radium, sondern wie Barium. Wie gesagt, andere Elemente, Trans-Urane kommen nicht in Frage. Ich habe mit Straßmann verabredet, dass wir vorerst nur Dir dies sagen wollen. Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen. Wir wissen dabei selbst, daß es eigentlich nicht in Barium zerplatzen kann. … Jetzt kommen die Weihnachtsferien, und morgen ist die übliche Weihnachtsfeier, nach so langer Zeit ohne Dich.” Am 1. Januar 1939 um 12 Uhr 30 schreibt sie nach dem berühmten Spazier     gang mit ihrem Neffen Otto Frisch einen Brief nach Berlin: “Wir haben Eure Arbeit sehr genau gelesen und überlegt, vielleicht ist es energetisch doch möglich, dass ein so schwerer Kern zerplatzt.” Zuvor hat sie die frei werdende Menge von Energie mit 200 Millionen Elektronenvolt pro Urankern mit Hilfe der berühmten Einsteinschen Formel E = m c² berechnet.

  • Otto Hahn erhält 1944 für die Entdeckungen zur Kernspaltung allein den Nobelpreis für Chemie. Lise Meitner ist db_meitner_07_1933_urlaub2verletzt und irritiert. In Stockholm lebt sie bis 1945 in wissenschaftlicher Isolation und kämpft gegen ihre Verbitterung an.
1946 – 1964
  • 1946: Gastvorlesungen in den USA und Wahl zur Frau des Jahres von der amerikanischen Presse;
  • 1947: Forschungsprofessur in Stockholm
  • Verleihung zahlreicher Preise, unter anderem des Bundesverdienstkreuzes und des Enrico-Fermi-Preises der Atomenergiekommission in den USA
1968
  • Lise Meitner stirbt am 27. Oktober in Cambridgedb_Meitner_082
1991
  • Im Ehrensaal des Deutschen Museums in München wird als erste Frau eine Büste von ihr aufgestellt

Lise Meitner hat ein erfülltes, aber gewiss nicht immer leichtes Leben gehabt. Sie schreibt selbst: “Ich glaube, dass sich alle jungen Leute versuchen vorzustellen, wie ihr Leben einmal aussehen soll. Wenn ich das in meiner Jugendzeit tat, kam ich immer zu dem Schluss: Das Leben muss nicht leicht sein, wenn es nur inhaltsreich ist. Und dieser Wunsch ging in Erfüllung.” Durch ihr Wirken und mit ihrem persönlichen Schicksal ist Lise Meitner eine ausgezeichnete Namenspatronin für unser Gymnasium:

  • als Wissenschaftlerin wurde sie ein Leben lang gerade von deutschen db_meitner_09_1937_wien2Physikern und Chemikern oft unterschätzt und erst nach ihrem Tode durch die Aufstellung ihrer Büste im Deutschen Museum im Jahre 1991 voll rehabilitiert
  • mit großer Geduld und Demut musste und hat sie die praktizierte Geringschätzung einer Frau als Wissenschaftlerin in ihrer Zeit erduldet
  • wegen ihrer jüdischen Abstammung wurde sie in ihrer Forschungsarbeit und Lehrtätigkeit in Deutschland behindert und musste 1938 nach Schweden emigrieren
  • mit kluger Offenheit und Bestimmtheit hat sie ihre deutschen Kollegen wegen ihres Verhaltens im Dritten Reich kritisiert, ohne diese zu verletzen
  • sie hat ihre physikalische Forschungsabteilung mit menschlicher Wärme und Durchsetzungskraft geführt
  • zudem hat sie sich immer dafür ausgesprochen, dass die Atomenergie für friedliche Zwecke genutzt wird

Brigitte Grams-Loibl, Oberstudiendirektorindb_Meitner_10_19462

Für alle hier abgebildeten Photos von Lise Meitner liegt das Urheberrecht beim Hahn-Meitner-Institut Berlin.